| Was ist denn nun so "gotisch" an der Gothic? |
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Der Beruf eines Typographen und der des Orthodonts ähneln sich sehr: Es weiß niemand, ob er Vögel studiert oder Zähne repariert. Viele raten mir, "Sag doch einfach, daß Du Landkarten zeichnest". Aber eigentlich ist es nicht nur so, daß sich kaum einer etwas unter Typographie vorstellen kann, sonden das die meisten Menschen für Schrift völlig blind sind. Mein Mitbewohner glaubt fest an eine kleine Störung bei mir, weil ich dazu tendiere, kurze unverständliche Sätze wie > De Vienne Ornament< oder >ITC Korinna heavy italic< zu murmeln, während ich einen Programmvorspann im Fernsehen lese. Große Schwierigkeiten entstehen schon bei dem Versuch, meinem Mitbewohner zu erklären, wieso eine vielfaltige Palette Schriftenentwürfe notwendig ist. Sein >non-plus-ultra<-Textverarbeitungsprogramm wurde bereits mit mehr Schriften geliefert, als er jemals brauchen wird: Normal, Kursiv, Halbfett und sogar eine Schrift mit dem dubiosen Namen >Gothic<, was man vielleicht als >Gotisch< übersetzen würde. Bei einem unergiebigen Versuch, den armen Kerl aufzuklären, habe ich aus Versehen erwähnt, daß diese >Gothic<-Schrift eigentlich hätte >Fraktur< heißen sollen, weil >Gothic< von Amerikanern als Begriff benutzt wird, wenn sie eigentlich >Sans Serif< meinen. Dann mußte ich natürlich erklären, was eine Serife ist. Um es kurz zu halten, habe ich ihm gesagt, daß Serifen kleine Nupsies sind, die sich oben und unten an (z.B.) senkrechten Balken in allen möglichen Größen und Formen darstellen, und das manche Schriften sogar gelernt haben sollen, auch ohne sie leben zu können. "Oh", sagt er, "und >Sans Serif< ist der französische Begriff für eine Schrift, die ohne leben kann." Spätestens zu diesem Zeitpunkt mußte ich dann zugeben, daß >Sans Serif< der englische Begriff ist und die Franzosen >Antique< dazu sagen. Und die Deutschen? "Grotesk", sage ich sehr vorsichtig, aber er versuchte schon, unauffällig aus der Tür zu schleichen. Allein die Menge der um meine Aufmerksamkeit werbenden Schriftzüge insgesamt kann mich schaffen. Egal wo ich nur hinschaue, werde ich von Beschriftungen gefesselt, die andere Leute nur lesen. Im Traumzustand vor einem Plakat kann ich das Einkaufen vergessen. Auch eine Speisekarte, ausnahmsweise weder in Benguiat noch in Bookman gedruckt, verdreifacht die benötigte Zeit, das Mahl zu wählen. Anstatt einfach abzuwaschen, zähle ich, wieviel Schriftentwürfe sich auf der Spülflasche befinden, was ein weiterer Grund zur Besorgnis ist. "Fünf, einschließlich der Outline-Version auf der Rückseite", informiere ich meinen Mitbewohner, der heutzutage derartige Aussagen mit einem verzweifelten Lächeln begrüßt. Was soll ich tun? Ich habe schon gelernt, bei der Entdeckung einer Adresse in Optima halbfett, mit einer Telefonnummer in Cooper Black jubelnde Freudenschreie zu unterdrücken. Aber über eine rote Ampel war ich doch gefahren, als ich erkannte, daß Eurostile breitfett auf meinem Tacho benutzt wurde. Ist es wirklich so komisch, sich für Schrift zu interessieren? Als Kontrast zu meiner Rolle als Ausgestoßener im Privatleben wende ich mich nun meinem Arbeitsleben zu. Ich werde im Büro vielleicht nicht gerade mit Respekt behandelt, aber gelegentlich sucht mich doch jemand auf, um eine Schrift zu identifizieren, die sich ein Kunde wünscht. Normalerweise habe ich keine Ahnung wie der Entwurf heißt, muß es auch zugeben und vorschlagen, die Schrift zu digitalisieren. Aber gelegentlich habe ich Glück und erkenne tatsächlich die Schrift. So etwas passiert öfter mit Grotesk-Schriften (Sans Serif), und ich habe deshalb einige Fragen zusammengestellt, damit auch andere Leute Profi-Schrifterkennung üben können. Um dem Leser weitere Verständigungshilfe zu gewähren, sind technische und alternative Bezeichnungen in Klammern beigefügt. Frage 1: Besitzt die Schrift, die wir einordnen möchten, Serifen (Nupsies)? Antwort 1: Nein = Dieser Entwurf gehört wahrscheinlich zu einer Art Schriften mit der Bezeichnung "Gothic" (Sans Serif). Frage 2: Sieht das Minuskel (bzw. kleine) a so aus? Frage 3: Oder so aus? Antwort 2: Wenn das kleine a so aussieht, dann ist der Schriftentwurf wahrscheinlich nicht Helvetica, hat aber noch Chancen Futura oder ITC Avant Garde Gothic zu sein. Wer soweit kommt, will möglicherweise jetzt lernen, welche der beiden dem Schriftmuster eher entsprechen, und der einfachste Weg einen Unterschied festzustellen ist, die Höhe der Kleinbuchstaben (x-Höhe) mit der Höhe der Großbuchstaben (Versalhöhe) zu vergleichen. Die Futura hat eine viel niedrigere x-Höhe als die Avant Garde. Über die Großbuchstaben hinausragende lange Stäbe (Oberlängen) von Buchstaben wie b,d,h usw. sind ein weiterer Hinweis auf Futura. Spätestens zu diesem Zeitpunkt braucht man meistens einen Referenzkatalog, um die genaue Schnittbezeichnung zu erfahren. Futura ist eine Grotesk, weil sie in Deutschland entworfen wurde, und Avant Garde eine Gothic, weil sie aus den Vereinigten Staaten stammt.
Antwort 3: Soll das kleine a so aussehen, könnte die Schrift wirklich Helvetica sein. Wurde das a im Schriftzug von Lufthansa gefunden, dann könnte man sein Monatsgehalt darauf verwetten. Aber andere Grotesk-Schriften besitzen ähnliche a's. Wenn genau geschaut wird sind in den folgenden oberflächlich ähnlichen Schriften doch mehrere Unterschiede zu erkennen: Helvetica ist eine unvermeidlich in der Schweiz entworfene Schrift. Akzidenz Grotesk wurde wo entworfen? Und Franklin Gothic kommt aus welchem Kontinent? Um noch bleibende Probleme bezüglich grotesker Begriffe auszuräumen, möchte ich erwähnen, daß die Schrift Gill Sans nicht von einem Franzosen entworfen wurde, wohl aber die Antique Olive. Das reicht für heute. Ich muß abwaschen.
Nach einem Artikel aus URWspectrum 2/93 © 1993 by URW
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